admin-hauswildfang/ November 2, 2019/ Allgemein/ 0Kommentare

 

Anfang September holte das zuständige Jugendamt den elfjährigen Ben aus Maramures/Rumänien zurück nach Deutschland und seitdem lebt er wieder bei seiner Mutter und seinem vierzehnjährigen Bruder in einer norddeutschen Kleinstadt.

 

 

 

 


Interview mit Bens Mutter am 25.10.2019 (Namen geändert)

Frau V., wie geht es Ihnen?

Gerade geht es richtig bergab. Bevor Ben aus Rumänien zurückkam, war ich Vollzeit arbeiten, dann musste ich die Stundenzeit runterfahren und für ihn eine Schule suchen, er hat ja Schulpflicht in Deutschland und keine Schule wollte ihn, ich habe denen vorher gesagt, auf was sie sich einlassen. Als er endlich in der Hauptschule angemeldet war, ging es keine zwei Wochen gut. Er ist suspendiert, nächste Woche muss ich zur Klassenkonferenz.

Warum?

Ben hat vor der ganzen Klasse erzählt, wie man ein Schwein schlachtet. Das ist in Rumänien auf den Bauernhöfen üblich, aber die deutschen Kinder konnten nicht verstehen, dass er dabei mitgeholfen hat. Dann gab es Streit. Wenn er nicht weiterweiß, provoziert er auch seine Lehrer und insgesamt benimmt sich jetzt manchmal sogar schlimmer als vorher, bekommt auch wieder Wutausbrüche. Er raucht und vielleicht nimmt er auch Drogen, aber das ist nur ein Verdacht, ich kann es nicht beweisen. Er klaut wahrscheinlich auch, aber er lässt sich nicht erwischen.

Das klingt nicht gut

Ben will unbedingt zurück nach Rumänien. Seine Pflegeeltern nennt er Mama und Papa, er liebt seinen Papa besonders. Ben war so gerne in Maramures und ich war so froh, dass es ihm endlich gut ging. Mir ging es in der Zeit auch besser.

Wie ist das für Sie, wenn er die Pflegeeltern Mama und Papa nennt?

Er hat zu mir gesagt: „Mama, ich liebe dich und du bleibst immer meine Mama. Mein rumänischer Papa liebt mich so wie ich bin und meine rumänische Mami auch“. Das sind wunderbare Menschen und ich bin glücklich, wenn er glücklich ist. Er will unbedingt wieder zurück, aber es geht nicht. Uns werden so viele Steine in den Weg gelegt. Ich weiß gar nicht, wie ich ihm helfen kann.

Hat es Ben dort vielleicht so gut gefallen, weil er nicht zur Schule musste?

Er sollte ja eine Woche später im Dorf mit der Schule anfangen. Er spricht fließend rumänisch, da er hätte bestimmt Erfolg in der Schule gehabt. Hier hat er Englisch, das kann er gar nicht.

Ihnen wurden Steine in den Weg gelegt?

Das Jugendamt und ein Anwalt sagen, es wäre unmöglich, dass er da wieder hinkommt. Die rumänische Polizei würde jedes deutsche Kind, dass da im Dorf gesehen wird, in Obhut stecken und ich würde meinen Sohn nie wiedersehen.

Das hat Ihr Anwalt gesagt?

Ja. Und das Jugendamt will ihn hier entweder in Deutschland in die Intensivwohngruppe stecken oder in eine Einrichtung in der Türkei. Nach Polen könnte er nicht, weil die Zusammenarbeit mit der Einrichtung in Polen auch beendet worden ist. Es gibt keine Aufenthaltsgenehmigung für diese Kinder aus Deutschland, die dürfen da nicht mehr hin, weil man die Zusammenarbeit beendet hat.

Ich habe die vom Jugendamt dann gefragt, ob sie brennen! Schon wieder eine neue Einrichtung? Ben hat schon alles durch. Bevor er nach Maramures kam, ist er überall rausgeflogen. Also bleibt er jetzt bei mir. Aber das ist nicht einfach.

Und ich habe auch schon überlegt, dass wir dann eben in den Urlaub da hinfahren und ihn dann da lassen. Der rumänische Papa hat gesagt, ja klar, sofort, das ist unser Kind. Aber das geht nicht, sagt der Anwalt, deutsche Kinder dürfen sich da nicht mehr aufhalten, wegen der Situation. Aber ich habe die Vorwürfe nie geglaubt. In Maramures konnten sie meinem Sohn helfen.

Wie haben Sie die Situation erlebt?

Als die rumänische Polizei vier der Kinder in Obhut genommen hat, rief Frau E. an und sagte mir am Telefon welche Vorwürfe gegen die Leitung erhoben wurden und ich war geschockt. Dann habe ich sofort Ben angerufen, er war gerade mit seinen rumänischen Eltern unterwegs zum Einkaufen, ich erzählte ihm das und er antwortete: „Mama, das ist nicht wahr. Das stimmt nicht, es sind vier Kinder, die nach Hause wollten.“ Die wollten ihn auch überreden, abzuhauen, aber er hat nicht mitgemacht.

Nachdem die vier Kinder von der rumänischen Polizei in Obhut genommen worden sind, gab es ein Hin und Her mit dem Jugendamt, ob Ben in Maramures bleiben darf. Wir waren ständig in Kontakt und Herr B. sagte eines abends, es geht noch ein Kind in Obhut, ob Ben das wäre, wusste er nicht. Dann war er es aber zum Glück nicht. Erst waren wir froh, aber dann hieß es: Ben kommt nach Hause und ich war so baff und geschockt. Es gab keine Beweise, er wollte auch überhaupt nicht nach Hause, als er hier bei mir vor der Tür stand, raten Sie mal, was er gesagt hat.

Ich weiß es nicht

„Mami, ich will zurück“, da war er noch gar nicht in der Wohnung. Ich antwortete: „du bist hier zuhause“ und er: „nein, bin ich nicht“. Er ist von seinem rumänischen Papa rumänisch getauft, und diese Taufkette, legt er auch niemals ab. Er ist so unglücklich hier. Sein Herz ist in Rumänien.

Zuerst hieß es, das wäre jetzt nur eine Beurlaubung, also fragten wir, wann geht es zurück? Doch dann ging es erst richtig los: er wäre in Deutschland und müsste hierbleiben, sagte die Oberste vom Jugendamt, „weil das vorgefallen ist.“ Keiner von denen hat Ben gefragt. Er sagt mir immer: „Ich möchte sofort zurück“. Er kann das alles nicht verarbeiten. Jetzt ist er wieder aggressiv, raucht und klaut wieder, vielleicht nimmt er Drogen, ich weiß es nicht. Nie kommt er vor acht nach Hause und er geht auch nie vor elf ins Bett.

Erhält er keine psychologische Betreuung?

Nein. Als es darum ging, hier eine Schule zu finden, hatte ich die Hoffnung, dass man ihm in der Leinerstiftschule helfen kann, aber bei der Besprechung erzählte Ben natürlich alles und die meinten, er schafft das nicht, er müsste in Einzelbetreuung oder in die Intensivwohngruppe. Das wollte ich nicht. Es wäre das Beste, wenn er wieder zu seinen Pflegeeltern nach Rumänien könnte. Er ist verliebt in dieses Land. Wenn die Untersuchungen ergeben, dass nichts passiert ist, stehe ich voll dahinter, dass die Kinder da sofort wieder hinkommen. Mein Kind hat keinerlei Flecken, ich war beim Arzt mit ihm, er wurde auch nicht angefasst.

Wir kennen den Stand der Untersuchungen auch nicht. Wurde Ben jemals offiziell befragt?

Nein.

Ben lebte, als die rumänische Polizei kam, schon länger unten im Dorf bei seinen Pflegeeltern. Wie kam es denn, dass die Jungen, die abhauen wollten, oben in der Einrichtung mit ihm reden konnten?

Er musste zufällig nach oben in der Zeit, für ein oder zwei Tage, weil er Blödsinn gemacht hat, als Konsequenz. Das ist das Konzept, wer etwas anstellt, muss eine Weile nach oben in die Einrichtung. Später dürfen sie dann wieder zu ihren Pflegefamilien nach unten ins Dorf.

Alle Kinder, die in Maramures sind, sind da ja nicht ohne Grund. Die gehören zu den Schlimmsten der Schlimmen. Ich habe mein Kind dahin geschickt, weil es schwer erziehbar ist, mit elf Jahren, damit er auf den geraden Weg kommt. Ich hatte vorher schon alles versucht.

Sie arbeiten jetzt weniger Stunden, dann erhalten Sie auch weniger Gehalt. Bekommen Sie denn finanzielle Unterstützung irgendwoher?

Nein.

 

Was wäre, wenn Ben nun doch in Deutschland bleiben muss?

Das würde er nicht verkraften. Er gehört zu seinen rumänischen Eltern und er wünscht sich, dass wir uns dann öfter mal besuchen könnten. In Maramures konnten sie meinem Kind helfen.

Es sind durchaus noch Kinder dort und eine Volljährige ist von sich aus wieder zurück nach Maramures gezogen, gegen den Willen des Jugendamtes.

Ben kann aber keine sieben Jahre mehr warten. Die vier Jugendlichen, die abhauen wollten, haben ihm mit der Aktion die Chance auf ein normales Leben verdorben. Ich habe schon fast keine Worte mehr.

 ((Ende))